Scroll Top
Deutsche Myasthenie Gesellschaft e.V.

Einordnung aktueller Berichte zur Thymusdrüse bei Myasthenia gravis

Auch in der deutschen Presse wurde in den letzten Wochen auf Studien hingewiesen, die scheinbar nahelegen, dass eine Thymusdrüse für die Gesundheit unverzichtbar sei. Bei Menschen, denen die Thymusdrüse entfernt wurde, sei eine verkürzte Lebenserwartung zu beobachten, und auch das Risiko für Krebserkrankungen solle erhöht sein[i],[ii].

Da die Entfernung der Thymusdrüse für Menschen mit Myasthenia gravis in bestimmten Fällen ein wichtiger und manchmal unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung sein kann, ist eine sachliche Einordnung dieser Berichte sinnvoll[iii],[iv].

Wofür ist die Thymusdrüse da?

Die Thymusdrüse ist ein Organ, in dem T-Zellen in der Kindheit und Jugend, aber auch noch in abnehmendem Maß im Erwachsenenalter, reifen und lernen, körpereigene Strukturen von fremden Strukturen zu unterscheiden.

Eine wichtige Rolle spielen dabei regulatorische T-Zellen, die überschießende Immunreaktionen bremsen und so zur Immuntoleranz beitragen.

Der Thymus ist deshalb ein zentrales Organ für den Aufbau eines ausgewogenen Immunsystems.

Was passiert bei Myasthenie?

Myasthenia gravis ist eine Autoimmunerkrankung. Das Immunsystem bildet dabei Antikörper gegen Bestandteile der neuromuskulären Endplatte, besonders häufig gegen den Acetylcholinrezeptor, wodurch die Signalübertragung zwischen Nerv und Muskel gestört wird.

Für Menschen mit nicht-thymomatöser generalisierter, Acetylcholinrezeptor-Antikörper-positiver Myasthenia gravis ist durch eine randomisierte kontrollierte Studie belegt, dass eine Thymektomie den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen kann. Im sogenannten MGTX-Trial führte die Thymektomie zusätzlich zu Prednison zu besseren klinischen Ergebnissen, geringerem Steroidbedarf und weniger Bedarf an Azathioprin als Prednison allein3,4.

Was bedeutet „Thymus-Gesundheit“?

In der aktuell diskutierten Studie von Bernatz und Birkbak2 wurde der Begriff „thymic health“ beziehungsweise „Thymus-Gesundheit“ verwendet. Gemeint ist damit in der Studie ein CT-basierter Bildgebungsmarker, der aus dem Erscheinungsbild des Thymus und seines Fettanteils auf eine möglicherweise erhaltene Funktion schließen soll.

Wichtig ist jedoch: Dieser Begriff beschreibt keinen direkt gemessenen Funktionszustand. In der zugrunde liegenden Studie wurden keine histopathologischen Untersuchungen des Gewebes durchgeführt, und in den großen Bevölkerungs-Kohorten erfolgte auch keine direkte funktionelle Validierung durch etablierte Marker des Thymus-Outputs.

Deswegen halten wir die Verwendung dieses Begriffes für wissenschaftlich verfrüht.

Warum ist das nicht mit Myasthenie gleichzusetzen?

Die Ausgangssituation ist bei Myasthenia gravis grundsätzlich anders als in den Studien zu Menschen ohne Myasthenie. Bei Acetylcholinrezeptor-Antikörper-positiver Myasthenie ist der Thymus häufig krankhaft verändert, mit lymphofollikulärer Hyperplasie und Keimzentren, die zur Autoimmunreaktion beitragen[v].

Damit wird bei Myasthenie nicht ein gesundes Organ entfernt, sondern ein immunologisch fehlaktiviertes Organ, das an der Erkrankung beteiligt ist.

Genau deshalb können die möglichen Nachteile einer unterlassenen Thymektomie bei Myasthenie nicht direkt mit Beobachtungen zum Erhalt eines strukturell nicht autoimmun veränderten Thymus bei Menschen ohne Myasthenie verglichen werden.

Was sagen die Studien zur Thymektomie außerhalb der Myasthenie?

Beobachtungsstudien bei Erwachsenen zeigten nach Thymektomie Assoziationen mit erhöhter Gesamtmortalität und erhöhtem Krebsrisiko1,2.

Diese Studien sind jedoch nicht randomisiert, und die Gründe für die Thymektomie waren unterschiedlich. Daher bleibt unklar, welcher Anteil des beobachteten Risikos tatsächlich auf die Entfernung des Thymus zurückzuführen ist und welcher Anteil durch Grunderkrankungen, Begleitfaktoren oder Behandlungen erklärt wird.

Gerade dieser Punkt ist für die Beratung von Menschen mit Myasthenie entscheidend: Die Daten außerhalb der Myasthenie beschreiben eine andere Patientengruppe mit anderer Ausgangslage und erlauben keine einfache Übertragung auf die therapeutische Situation bei Myasthenia gravis.

Fazit

Die aktuell diskutierten Studien werfen interessante Fragen zur Bedeutung des Thymus für Immunalterung, Infektabwehr und Tumorabwehr auf.

Sie liefern aber keine Grundlage, die bestehende Bewertung der Thymektomie bei geeigneten Patientinnen und Patienten mit Myasthenia gravis zu verändern.

Für die geeignete Untergruppe der Myasthenia-gravis-Erkrankten ist der Nutzen der Thymektomie durch hochwertige klinische Evidenz belegt, insbesondere durch die Möglichkeit, den Steroidbedarf zu senken und den Krankheitsverlauf günstig zu beeinflussen.

Die bei Menschen ohne Myasthenie beobachteten Zusammenhänge zum Erhalt von Thymusgewebe und zum Konzept der „Thymus-Gesundheit“ sind hierzu nicht direkt vergleichbar.

Prof. Michael Schroeter | Vorsitzender des Ärztlichen Beirats der DMG

PD Dr. med. Jana Zschüntzsch | stellv. Vorsitzende des Ärztlichen Beirats der DMG

[i] Kameron A. Kooshesh, Brody H. Foy, Richard A. Baylis, et al. Adult thymectomy is associated with increased mortality risk from cancer but not cardiovascular disease. Blood Adv 2025; 9 (21): 5449–5452. doi: https://doi.org/10.1182/bloodadvances.2024015286

[ii] Bernatz S, Prudente V, Pai S, et al. Thymic health consequences in adults. Nature. 2026 Apr;652(8111):986-994. doi: 10.1038/s41586-026-10242-y. Epub 2026 Mar 18. PMID: 41851466; PMCID: PMC13102717.

[iii] Wolfe GI, Kaminski HJ, Aban IB, et al. Randomized Trial of Thymectomy in Myasthenia Gravis. N Engl J Med. 2016;375(6):511-522. PMID: 27509100.

[iv] Wolfe GI, Kaminski HJ, Aban IB, et al. Long-term effect of thymectomy plus prednisone versus prednisone alone in patients with non-thymomatous myasthenia gravis: 2-year extension of the MGTX randomised trial. Lancet Neurol. 2019;18(3):259-268.

[v] Weis C-A, Aban IB, Cutter G et al. (2018) Histopathology of thymectomy specimens from the MGTX-trial: Entropy analysis as strategy to quantify spatial heterogeneity of lymphoid follicle and fat distribution. PLoS ONE 13(6): e0197435. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0197435