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Deutsche Myasthenie Gesellschaft e.V.

Selbsthilfe-Fachtagung des AOK-Bundesverbandes

Gemeinsam gegen Hass – Mehr Solidarität in den Sozialen Medien.

Am 15. Januar lud der AOK-Bundesverband zur jährlichen Selbsthilfe-Fachtagung ein – mit einem klaren Ziel: ein gesellschaftliches Bewusstsein für digitale Inklusion zu schaffen und die Herausforderungen zu beleuchten, denen sich unter anderem Menschen mit chronischen Erkrankungen, Behinderungen, queere Menschen sowie Menschen mit Migrationshintergrund in den sozialen Medien stellen müssen.

Für viele Betroffene ist es keine risikolose Selbstverständlichkeit, sich online sichtbar zu machen. Hatespeech, Diskriminierung und digitale Gewalt sind für Menschen, die aufgrund einer Behinderung oder chronischen Erkrankung als „anders“ gesehen werden, ein wachsendes Problem. Und wie mehrere Referentinnen und Referenten betonten: Unsere Psyche kann nicht zwischen Online- und Offline-Gewalt unterscheiden. Die Folgen sind real und oft gravierend.

Hass im Netz: Ein strukturelles Problem

Besonders betroffen von digitaler Gewalt sind junge Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und queere Personen. Studien zeigen: 42 % junger Frauen haben bereits ungewollt explizite Bilder erhalten. Doch das größte Problem geht über die Gewalt selbst hinaus. Der sogenannte „Silencing-Effekt“: Viele ziehen sich zum Selbstschutz zurück und verlieren damit ihre Stimme. Positive Stimmen werden so weniger sichtbar und geben dem Hass ungewollt mehr Raum.

Auch in der Selbsthilfe ist Hatespeech längst angekommen. Laut einer Befragung von 140 Selbsthilfekontaktstellen berichten 51 % von Hassrede – sei es durch parteipolitische Einflussnahme, Konflikte zwischen Teilnehmenden oder Angriffe von Außenstehenden. Das Projekt „Vielfalt bewahren, Grenzen finden“ der NAKOS bietet hier konkrete Handlungsempfehlungen für Kontaktstellen im Umgang mit demokratiefeindlichen Strömungen. Die zentrale Botschaft: Haltung zeigen wirkt präventiv.

Selbsthilfe ist kein Stuhlkreis

Dieser Satz von Claudia Schick bringt es auf den Punkt: Selbsthilfe ist politisch, sichtbar und aktiv. Sie muss Werte definieren und verteidigen – denn davon lebt sie. Vertrauen und Verlässlichkeit sind das Fundament jeder Selbsthilfearbeit. Doch um diese Werte zu schützen, braucht es mehr als guten Willen: Es braucht klare Regeln, konsequente Moderation und politischen Druck.

Was muss sich ändern?

Die Tagung machte deutlich: Soziale Medien dürfen kein gesetzesfreier Raum bleiben. Dazu müssem Plattformen transparenter werden, aber auch bereits bestehende europäische Gesetze müssen endlich konsequent durchgesetzt werden – auch gegen den Druck aus den USA. Gleichzeitig wurde betont, dass Privatpersonen und Vereine bessere Tools zur Moderation benötigen. Denn Moderation ist sehr aufwendig und verlangt zu viel Aufmerksamkeit, ist aber unverzichtbar.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Wer im Internet nachhaltig präsent sein will, sollte durch Newsletter, Podcasts oder Blogs eigene Reichweiten aufbauen. Diese Unabhängigkeit von großen Plattformen – und somit deren wirtschaftlichen und politischen Interessen – schafft Sicherheit und Kontrolle.

Fazit: Aufklärung, Haltung, Handeln

Die Fachtagung machte klar: Schutz vor digitaler Gewalt bedeutet auch Aufklärung darüber, dass digitale Gewalt heutzutage leider unumgänglich ist. Doch vor allem ist es eine Frage an die Politik: Neue Regeln sind dringend gefordert und Gesetze müssen befolgt werden. Selbsthilfe muss sichtbar bleiben, Haltung zeigen und sich aktiv gegen Hass und Ausgrenzung positionieren.

Denn Selbsthilfe ist kein Stuhlkreis – sie ist ein Ort der Stärke, des Austauschs und des Widerstands.

Leon Schlemminger